Das Bauhaus - eine Stätte des modernen Denkens

Perren

Dr. Claudia Perren (45) wuchs in Berlin auf, studierte Architektur an der Kunsthochschule Berlin Weißensee sowie der Cooper Union New York und promovierte 2005 an der Universität Kassel. Bevor sie 2014 Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau wurde, lehrte sie acht Jahre an der Universität Sydney kuratorische Praxis, Geschichte und Theorie der Architektur und Kunst. Schwerpunkte ihrer Arbeiten sind die Schnittstellen von Kunst, Design und Architektur. 

In den 1920er Jahren bewohnten Künstler der internationalen Avantgarde die Bauhaus-Meisterhäuser. Seit 2016 ist dies für junge Künstler aus der ganzen Welt möglich. Wer darf kommen?

Es gibt drei Wege für junge Künstler, drei Monate in den Meisterhäusern zu leben und zu arbeiten. Zunächst die freie Ausschreibung über einen internationalen Open Call für Künstler aus jeder Richtung. Dann die persönliche Einladung auf Empfehlung und zudem der Weg über unsere Kooperationen mit verschiedenen nationalen und internationalen Partnern wie zum Beispiel mit dem MMCA in Korea. Jedes Jahr kommen etwa acht Künstler zu uns. Die Auswahl hängt von unseren Jahresthemen, wie Bewegung, Standard oder Kollektiv ab. 

Was versprechen Sie sich davon?

Wir wollen nicht nur theoretisch über das Bauhaus reflektieren, sondern wieder in die Praxis kommen. Es sollen Werke entstehen, die dann wieder diskutiert werden. Egal, ob Film, Installation oder Bild. Das macht es auch für die Besucher interessant.

Was bringt das für die Künstler?

Kein Künstler würde sich bewerben, wenn er nicht Interesse am Bauhaus hätte. Für ihn bedeutet ein Aufenthalt in Dessau, drei Monate intensive Auseinandersetzung und Arbeit mit dem Bauhaus und seinen Visionen. So erfahren die jungen Menschen, ob das Bauhaus auch für sie eine Relevanz hat.

Perren

Wissen die Künstler viel über das Bauhaus?

Unterschiedlich. Was wir aber festgestellt haben – alle Künstler lassen sich wirklich sehr gut auf den Ort Dessau und die Meisterhäuser ein.
Diskussionen wie, die Häuser sind zu eng, zu alt oder zu heiß gibt es kaum. Interessant: Viele unserer Gäste haben sich intensiv mit den Themen Arbeit und Wohnen beschäftigt. Zum Beispiel wechselte ein junger Klangkünstler, der bisher in dunklen Räumen arbeitete, zum ersten Mal in seiner Kunst vom Medium Ton auf das Medium Bild. Er hat das Licht in den Meisterhäusern eingefangen. Mit Schwarz-Weiß-Polaroids. Unsere Häuser bieten anscheinend Potenzial für künstlerische Änderungen und Entwicklungen.

Das Bauhaus steht für Weltoffenheit. Wie sieht es heute in der Welt aus?

Damals, nach dem Ersten Weltkrieg, war die Zeit reif für gesellschaftliche Veränderungen. Ich denke, das ist einer von vielen Gründen, warum das Bauhaus entstehen konnte. Das Bauhaus stand immer für globales Denken, eine Vielzahl der Studierenden und Lehrenden kam aus der ganzen Welt. Das gilt auch für uns heute, deshalb sind alle Programme international. Hier gilt es auch, den Bestrebungen nach Isolation Einhalt zu gebieten. Zu uns kommen Studierende aus Israel, aus Kairo und auch China genauso wie aus Mexiko und den USA. Das sagt doch alles. Politische Grenzen sind kontraproduktiv.

Was bewirkt das Bauhaus heute noch in unserer Gesellschaft?

Das Bauhaus ist keine Schule mehr. Wir bilden nicht aus. Wir produzieren auch nicht mehr. Die Aufgabe der Stiftung ist es, das historische Bauhaus zu bewahren. Und gleichzeitig aus dem unermesslichen Fundus, den das Bauhaus bietet, gesellschaftlich relevante Themen herauszuarbeiten. Internationalität – aktueller denn je – ist so ein Gedanke. Oder bessere Lebensverhältnisse durch Fortschritt.

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Wie vermitteln Sie das Ihren Kindern?

Wir sind ja eine internationale Familie. Wir haben lange in Sydney gelebt und jetzt in Deutschland, haben einen Teil der Familie in der Schweiz. Unsere Kinder verstehen, dass es nicht überall gleich sein kann. Und sie verstehen, und das ist entscheidend, dass es wichtig ist, gegenüber allen Menschen offen zu sein. Natürlich leben wir das Bauhaus nicht eins zu eins. Aber in unserem Verständnis sind wir internationale Bürger und Moderne affin. Das geben wir den Kindern mit und hoffen, dass dies auch ihr weiteres Leben prägt.

Beobachten Sie bei Künstlern, die in den Meisterhäusern gelebt haben, Veränderungen?

Ich glaube, dass es für die Künstler wichtig und interessant ist, den Ort zu verstehen, woher das Bauhaus kommt. Bei aller Internationalität ist jeder auch lokal an einem Ort. Dessau war auch damals keine Großstadt. Es ist interessant, hier zu leben und trägt zum Verständnis der Provinz bei. Das Leben hier ist ein anderes als in einer Metropole. Von dem, was geboten wird, wie die Leute miteinander umgehen. Wie man sich kennt. Wie interagiert wird. Das gilt übrigens auch für mich, denn ich lebe zum ersten Mal nicht in einer Großstadt.
Ich habe gemerkt, dass die Künstler das sehr wohl wahrnehmen. Aber auch die Nachbarschaft. Es gibt Gespräche. Die Künstler öffnen ihre Studios. Schulklassen werden eingeladen. Es sind diese kleinen Dinge, die verbinden und die Menschen einander näherbringen.

Was passiert zum Bauhausjubiläum 2019 und was ist das Wichtigste?

Unheimlich viel. Wir haben uns auf Schwerpunkte konzentriert, wobei das neue Museum natürlich ganz oben steht. Es öffnet im September mit der Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus“. Sie zeigt, dass die ganze Existenz des Bauhauses als Schule auf einer Stätte der Versuche fußte. Sowohl in der Lehre als auch in den Materialien oder den Formen. Wir heben nicht die Klassiker aufs Podest und zeigen das Ikonenhafte, sondern setzen uns mit dem Experimentieren, mit dem Scheitern, Testen und Neuanfangen auseinander. Zum Beispiel: Wie kamen die Studenten überhaupt auf den Bauhaus-Stuhl als Freischwinger, den wir kennen. Wie setzten sie sich damit auseinander? Welche Skizzen waren nötig? Was sagten die Professoren? Wo wurden die Exponate und Objekte ausgestellt? Wie war die Zusammenarbeit mit der Industrie und wie der Verkauf? Also der Prozess, nicht die Ikone.
Natürlich gibt es in Dessau, Berlin und Weimar und darüber hinaus viele Workshops, Ausstellungen, Diskussionen und Festivals. Dafür empfehle ich unsere Internetseite bauhaus100.de.

Erzählen Sie uns etwas über ein Festival.

Wir sind Gastgeber für drei Festivals: Schule FUNDAMENTAL, Architektur RADIKAL und Bühne TOTAL. So geht es beim Architekturfestival um die Bauhausbauten. Dessau ist die Stadt mit den meisten Bauhausbauten weltweit und jeder Bau ist ein Prototyp der Moderne. Wir nehmen diese Bauten als Ausgangspunkt und fragen, ob das Radikale, das die Architektur des Bauhauses prägt, auch heute noch zeitgemäß ist. Wir freuen uns sehr, dass die Stadt Dessau-Roßlau uns für die Festivaltage das von Walter Gropius gebaute Arbeitsamt als Festivalort zur Verfügung stellt. Ansonsten ist dort das Ordnungsamt untergebracht. Das Arbeitsamt wurde ja ganz konkret von ihm auf die Funktionsabläufe hin konzipiert, was dann zu einem völlig neuen Typus von Gebäude führte. Das war revolutionär. 

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Sie leben jetzt seit vier Jahren in Dessau. Was begeistert Sie persönlich?

Neben dem Fahrradfahren die wunderbare Landschaft. Es ist einmalig, dass ich so eine qualitativ wertvolle Landschaft direkt vor der Haustür habe. Damit sollten Städteplaner sehr viel mehr arbeiten. Brachflächen lieber für Landschaftsgestaltung als für neue Gebäude nutzen. Städte wie Dessau leiden unter Bevölkerungsschwund. Also wäre ein Umdenken sinnvoll. Stadtentwicklung mit Landschaftsarchitektur.
Da sehe ich ein ganz großes Potenzial.

www.bauhaus-dessau.de

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