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Modern Denken seit der Bronzezeit

Interview mit Prof. Dr. Harald Meller

Prof. Dr. Harald Meller (59) könnte als der Indiana Jones Sachsen-Anhalts durchgehen. Der Archäologe und Prähistoriker rettete im Jahr 2002 bei einer filmreifen Aktion die Himmelsscheibe von Nebra aus den Fängen eines Hehlerpaares und grub in seiner Karriere zahlreiche antike Funde aus. Seit 2001 ist er Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle und weiß, warum sich gerade hier so viele ungeahnte Schätze verstecken.

Herr Prof. Dr. Meller, Sie kommen ursprünglich aus der Nähe von München. Was hat Sie gereizt, als Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie nach Sachsen-Anhalt zu kommen?

Ich wurde gefragt, ob ich mich bewerben möchte und fand die Aufgabe ungemein reizvoll. Sachsen-Anhalt ist eines der Länder in Mitteleuropa mit dem reichsten Kulturerbe überhaupt und mit einer unvergleichbaren Qualität von Archäologie-, Kunst- und Baudenkmalen. Es war und ist reich an Ressourcen. Und das Land ist extrem verkehrsgünstig gelegen. Das hat zu allen Zeiten dazu geführt, dass Sachsen-Anhalt im Zen­trum der Vielfalt lag. Darüber hinaus hat man hier fantastische Städte und Gegenden, mitten im Wandel und Aufbruch mit unvergleichlichem Potenzial. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Wie hat sich der Weg des Museums gestaltet?

Gestartet sind wir mit bescheidenen kleinen Ausstellungen. Die Himmelsscheibe haben wir innerhalb von zehn Jahren zum Weltdokumentenerbe geführt. Sie ist die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung und stammt aus der frühen Bronzezeit. Wir haben zudem viele Ausstellungen gemacht, die eine große Aufmerksamkeit erfahren haben. Die Ausstellungen zu Pompeji oder zur Himmelsscheibe hatten je über zweihunderttausend Besucher. Das sind jeweils beinahe mehr Besucher als Halle Einwohner hat. Das ist sensationell! Viele Besucher kamen und kommen aus mehr als 100 Kilometern Entfernung. Und sie stellen dann fest: Halle und Sachsen-Anhalt – das ist ja eine ganz spannende Sache! Die Reaktionen der Besucher waren und sind fast immer die gleichen: „Wir haben uns viel zu wenig Zeit ge­nommen für all die Schätze. Wir kommen wieder.“

Sachsen-Anhalt hat eine der höchsten Dichten an UNESCO-Welterbestätten in Deutschland. Was hat das Land an sich, dass es hier so viele Schätze gibt?

Das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt hat in der langen Geschichte Mitteleuropas eine besondere Stellung. Es war immer kulturelles, wirtschaftliches, politisches Zentrum. Der Süden des Landes liegt in einer der naturräumlich günstigsten Regionen überhaupt. Durch den Harz ist das Gebiet sehr regenarm – das sogenannte mitteldeutsche Trockengebiet. Gleichzeitig gibt es aber fantastische Schwarzerde­böden, die mit reichsten in Mitteleuropa, optimal für den Ackerbau. Wenn man so will, kann man die Region als Kornkammer Deutschlands bezeichnen. Seit der Einführung des Ackerbaus in unseren Breiten vor 7500 Jahren wollte jeder in diesem Silicon Valley der Vorgeschichte leben.

Würden Sie auch sagen, dass Sachsen-Anhalt ein Land des modernen Denkens ist?

Sachsen-Anhalt war immer ein Land des modernen Denkens – über viele Jahrtausende hinweg – da es immer eine ökonomisch sehr starke Region war. Man findet in Sachsen-Anhalt eine große Zahl von Innovationen und technischen Errungenschaften, die in der Steinzeit beginnen und bis zum Bauhaus reichen. Gleichzeitig findet sich hier vor allem eine herausragende geistesgeschichtliche Produktivität. Das muss man sich vorstellen: zahlreiche der wichtigsten geistigen Strömungen des 18. Jahrhunderts kommen aus der Universität in Halle und Wittenberg. Aber zu denken ist natürlich auch an Luther, die Reformation oder Johann Joachim Winckelmann.

Welche Aufgabe übernehmen Museen und die Archäologie aus Ihrer Sicht?

Archäologie bringt uns dem Menschen näher – in seiner Vergangenheit aber auch in seiner Zukunft. Denn wenn wir die Vergangenheit verstehen, verstehen wir auch die Zukunft. Ein Beispiel: Durch die Erforschung Jahrtausende alter Skelette haben wir, in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, herausgefunden, dass es Rassen nicht gibt. Es gibt demzufolge keine Grundlagen, dass Hautfarben oder Vergleichbares von irgendeiner Relevanz sind. Man kann mit Wissenschaft jeglichem Rassismus die Grundlage entziehen. Das gelingt aber nur durch die Daten aus archäologisch geborgenen Skeletten. Dies zeigt, dass die Archäologie zukunftsgewandt sein kann. Museen sind die besten Orte, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.

Inwiefern müssten sich Museen verändern, um sich der heutigen digitalen Welt anzupassen?

Museen müssen in der Vermittlung, in der Öffentlichkeitsarbeit und online aktuell bleiben und sich stetig verändern. Museen sollen und dürfen sich aber nicht dahingehend verändern, dass sie den originalen, authentischen Inhalt durch anderes ersetzen – denn der ist ja das Erstaunliche. In einer digitalen Welt hat das Originale den größten Stellenwert. Das sehen Sie am Zustrom, den Museen haben. Nie haben mehr Menschen die Mona Lisa gesehen als heute. Und obwohl man die Exponate digital am Rechner zu Hause oder per Smartphone unterwegs im Detail besser sehen kann, gibt es die Sehnsucht, sie in Florenz, in Paris oder eben in Halle im Original zu sehen.

Welche Bedeutung haben digitale Projekte in Sachsen-Anhalt wie Digital Heritage und das Denkmalinformationssystem?

Digital Heritage, und die Idee des digitalen Museums, geben Menschen weltweit die Möglichkeit, die Schätze unseres Landes direkt bei sich zu Hause erkunden zu können – um sich später die Originale vor Ort anzuschauen. Man kann darüber hinaus all diejenigen Dinge sichtbar machen, die in Museumsmagazinen lagern und leider nicht dauerhaft ausgestellt werden können. Das Denkmalinformationssystem ermöglicht Bürgern zu sehen, ob ihre Häuser ein Denkmal sind. Und welche Denkmale sie im ganzen Land entdecken können.

Und woran arbeiten Sie zur Zeit?

Wir graben momentan das deutsche Stonehenge aus. Das ist die Kreisgrabenanlage von Pömmelte, die in ihren Ausmaßen exakt Stonehenge gleicht – aber aus Holz errichtet war. Wenn man Stonehenge verstehen will, muss man das Ringheiligtum Pömmelte verstehen. Pömmelte ist die religiös-ideelle Geburtszelle der Himmelsscheibe. Pömmelte und Stonehenge – das sind die Vorläufer der Welt der Himmelsscheibe. Versteht man deren Gedankenwelt, versteht man auch die Himmelsscheibe besser. Im kommenden Jahr werden wir die Grabungen fortsetzen – wir haben bereits eine der größten Siedlungen der Frühbronzezeit gefunden. Das ist eine sehr spannende Angelegenheit und ich freue mich, dort weiter zu arbeiten.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Persönlich wünsche ich mir Gesundheit. Beruflich wäre mein Wunsch, dass ich noch lange Jahre archäologisch forschen und entdecken kann. Für Sachsen-Anhalt wünsche ich mir, dass man sich zum einen über das Erreichte freut – dass man sich der Bedeutung, des Reichtums und der Schönheit des Landes bewusst ist. Und dass man sich in Zukunft noch mehr anstrengt und ein integraler Bestandteil eines Größeren, nämlich Europa, wird.

Mehr Informationen über das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie finden Sie hier.