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Die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften

Herr Professor Haug, seit März 2020 sind Sie Präsident der Leopoldina in Halle. Für diese neue Aufgabe müssen Sie als Forscher „kürzer treten“. Ist Ihnen das leicht gefallen? Wie gehen Sie damit um?

Forscher zu sein ist für mich der beste Job der Welt, doch die Arbeit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gehört genauso zur Wissenschaft wie die der Forschungsinstitute. Die Leopoldina bündelt in ihrer wissenschaftsbasierten Beratung von Öffentlichkeit und Politik die aktuellen Ergebnisse aus unterschiedlichen Fachdisziplinen und erarbeitet auf diesem aktuellen Forschungsstand Handlungsempfehlungen. Wie gefragt dieses Wissen ist, zeigt sich aktuell in der Coronavirus-Pandemie. Dies als Akademiepräsident zu managen, ist eine spannende und herausfordernde Aufgabe.

Sie sind als Wissenschaftler auf der ganzen Welt unterwegs – jetzt arbeiten Sie verstärkt von Sachsen-Anhalt aus. Wo sehen Sie den Wissenschaftsstandort Sachsen-Anhalt im internationalen Vergleich?

Realistisch betrachtet, gehört Sachsen-Anhalt nicht zu den Regionen, die man nennt, wenn man an Spitzenstandorte der Wissenschaft weltweit und in Europa denkt. Aber das Bild differenziert sich, wenn man sich einzelne Forschungsbereiche anschaut, etwa die Biodiversitätsforschung und die Mikrostrukturphysik.

Sie sind Klimaforscher. Der Kohleausstieg und der daraus resultierende Strukturwandel werden Sachsen-Anhalt vor große Herausforderungen stellen. Wie kann das Land diese Aufgaben meistern?

Durch intelligente Zusammenarbeit aller beteiligten Städte und Kreise bei der Planung und Umsetzung der Vorhaben, die aus den Fördermitteln für den Strukturwandel finanziert werden sollen. Die große Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen den jeweiligen lokalen Interessen und dem Zusammenspiel der einzelnen Vorhaben, die ganz Sachsen-Anhalt nach vorne bringen sollen, zu finden. Mein Eindruck ist, dass hierfür durch die „Kohlekommissionen“ in den betroffenen Gebietskörperschaften eine gute Grundlage gelegt werden kann.

Welche Rolle könnte die Leopoldina dabei spielen, diese Entwicklung zu fördern?

Die Leopoldina beschäftigt sich in ihrer wissenschaftsbasierten Beratung mit zahlreichen Themen, die für den Strukturwandel in Sachsen-Anhalt und anderswo in Deutschland von zentraler Bedeutung sind. Ich nenne hier nur Stichworte wie Energiewende, Bioökonomie und Digitalisierung. Von Vorteil ist dabei, dass die Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Halle (Saale) das große Ganze in den Blick nimmt, aber zugleich vor Ort in Sachsen-Anhalt sehr gut vernetzt ist. Das ist eine gute Voraussetzung für einen wirksamen Wissenstransfer.

Unser Magazin stellt kluge Köpfe und innovative Ideen aus Sachsen-Anhalt vor. Was macht unser Bundesland aus Ihrer Sicht als Wissenschaftler interessant für Forschung und Innovation?

Mein Eindruck ist, dass kluge Forscher und innovative Unternehmer in Sachsen-Anhalt einen großen individuellen Gestaltungsspielraum haben und sich schnell mit allen wichtigen Akteuren vernetzen können. Mein Rat lautet: Gebt den Personen, von denen ihr überzeugt seid, dass sie Forschung und Innovation voranbringen werden, den größtmöglichen Handlungsspielraum.

Mitteldeutschland, auch die Region des heutigen Sachsen-Anhalt, war einmal der Fortschritts-Motor Deutschlands. Die Region war geprägt vom Mut, Neues zu wagen. Gilt das heute immer noch für unser Bundesland?  Wagen wir schon genug Neues in Sachsen-Anhalt?

Wir können nie genug neue Ideen haben. Doch der nächste Schritt ist ebenso wichtig: Wenn wir von einer neuen Idee überzeugt sind, dann müssen wir den Menschen, die sie umsetzen wollen, unser Vertrauen schenken. Denn nur so werden sie auch ein persönliches Wagnis eingehen.

Dieser Tradition der Moderne verpflichtet hat Sachsen-Anhalt vor einiger Zeit den Slogan #moderndenken als Landesmotto gewählt. Was bedeutet modernes Denken für Sie?

Für mich ist modernes Denken eine realistische Problemanalyse, die den aktuellen Stand der Wissenschaft einbezieht, verbunden mit der liberalen Anerkennung der Vielfalt individueller und gesellschaftlicher Interessengruppen, die sich an der Suche nach Problemlösungen beteiligen.

Die Leopoldina berät die Politik und soll sich mit der Lösung von Zukunftsfragen befassen. Welche sind das aus Ihrer Sicht – und welche Beiträge können Menschen und Institutionen aus Sachsen-Anhalt leisten?

Ich denke, dass nahezu alle zentralen Zukunftsfragen etwas mit der Herausforderung zu tun haben, die Notwendigkeit, schnell Lösungen für kurzfristige Probleme zu finden, mit dem Bewusstsein für die langfristigen Auswirkungen unserer Entscheidungen zu verknüpfen. Es geht um die Nachhaltigkeit unseres Handelns. Wenn wir sie ernst nehmen, müssen wir bereit sein, einen kurzfristig tiefgreifenden Strukturwandel zu gestalten. Sachsen-Anhalt kann sich auf den Weg machen, um hierfür eine Modellregion zu werden.

Welche Zukunftspotenziale entdecken Sie in Sachsen-Anhalt?

Ähnlich wie die Leopoldina baut Sachsen-Anhalt einerseits auf lange Traditionen auf und ist andererseits ein recht junges Gebilde. Die dadurch entstehende Spannung birgt das Potenzial für neue Wege der Zukunftsgestaltung. Man muss sich gewissermaßen neu erfinden, kann aber gleichzeitig aus einem reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit schwierigen Situationen und historischen Umbrüchen schöpfen.
 
Wenn Sie Forscherkollegen nach Sachsen-Anhalt einladen – was zeigen Sie ihnen hier? Wo führen Sie sie hin?
 
Zuerst natürlich an die Leopoldina und in ihr überaus sehenswertes Gebäude auf dem Jägerberg! Je nach fachlicher Ausrichtung meiner Gäste nutze ich meine guten Kontakte zu Forschungseinrichtungen in Sachsen-Anhalt, um Ihnen die Wissenschaftslandschaft in Sachsen-Anhalt näherzubringen.

Haben Sie selbst einen Lieblingsort in Sachsen-Anhalt?

Halle ist für mich in den letzten Monaten nicht nur ein Arbeitsplatz gewesen, sondern -- trotz der Coronavirus-Pandemie -- auch ein Ort für spannende Entdeckungen. Die Stadt steht deshalb momentan auf Platz 1 der Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt, aber ich bin sicher, dass es vor allem nach der Coronavirus-Pandemie schnell Konkurrenz geben wird, wenn ich etwa an Dessau und das lebendige Bauhaus-Erbe dort denke.

Prof. Gerald Haug ist Klimaforscher, Geologe und Ozeanograph. Im März 2020 hat er das Amt des Präsidenten der „Leopoldina“ übernommen. Die Leopoldina ist die weltweit älteste Wissenschaftsakademie. Sie wurde 1652 gegründet. Seit 2008 ist sie Nationale Akademie der Wissenschaften. Sie berät Politik und Öffentlichkeit zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen. Zu den Themen, mit denen sich die Wissenschaft vorrangig befasst, zählt Gerald Haug den Klimawandel, die Digitalisierung und die globale Gesundheit. Der Leopoldina gehören 1.600 Mitglieder an, darunter 30 Nobelpreisträger. Berühmte Mitglieder waren u.a. Johann Wolfgang von Goethe, Alexander von Humboldt und Marie Curie.

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Quelle: Medienagentur Mitteldeutschland, 2020